Atmosphären

Atmosphären sind die verbindende Relation von „Umgebungsqualitäten und menschlichem Befinden“ (Böhme 1995, 22f). Mit dieser Definition führt Böhme Atmosphären als ästhetisches Konzept und als Wahrnehmungsphänomen in die Philosophie ein. Aufbauend auf Schmitz, der Atmosphären noch als „freischwebende Gefühlsmächte“ verstand, zeigt Böhme, dass Umwelt und Menschen über „Ekstasen“ zum Atmosphärenphänomen beitragen (ebd. 33). Atmosphären sind als räumliche Qualitäten erlebbar und Teil jeder Wahrnehmung. Ein Beispiel dafür ist: Betreten Menschen einen Raum, spüren sie zunächst die Atmosphäre am eigenen Leib und nehmen dann Einzelheiten wahr (vgl. ebd. 48). Dabei haben Menschen ebenso Anteil an der Atmosphärenkonstitution wie die Umgebung. Böhme spricht daher von einer „gemeinsamen Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen“ (ebd. 34).

 

Atmosphären unterscheiden sich in ihren Charakteren. Böhme beschreibt gesellschaftliche und kommunikative Charaktere, Bewegungsanmutungen, Synästhesien und Stimmungen (vgl. Böhme 2001, 46f). Heibach verweist auf physikalische, soziale und intendierte Dimensionen der Atmosphären (Heibach 2012, 11). In neueren Theorien wird Atmosphäre auch als Medium verstanden, das Qualitäten aufnehmen und abgeben kann (vgl. Thibaud 2003). Als verbindendes Zwischen einer Situation haben Atmosphären einen prägenden und einen erlebenden Pol. Die Atmosphärenkonstitution kann mit einem System der Prägung entschlüsselt werden, dass Ulber für Landschaften entwickelt hat (2017).

 

Dem neuen Konzept nach existiert das Atmosphärenphänomen immer und überall, und wird im Zusammenspiel von massiver, mobiler und ephemerer Ebene jeweils verschieden geprägt (Ulber 2017). Die massive Ebene umfasst die Topografie, Bauwerke sowie großvolumigen Baumbestand, sie ist relativ unveränderlich und in ihrem Beitrag zur Atmosphäre vergleichsweise konstant. Auf mobiler Ebene prägen Menschen, Dinge und Lebewesen die Atmosphäre, diese Beiträge verändern sich, doch weisen Landschaften typische Ausstattungen auf. Die ephemere Ebene umfasst Flüchtiges wie beispielsweise Geräusche, Gerüche und Wetterphänomene, welche spontan wechseln können und auch hier gibt es landschaftstypische Phänomene. Gemeinsam tragen die drei Komponenten einer Umgebung zur aktuellen Atmosphäre bei. Kontinuierliche und charakteristische Beiträge bedingen ortsspezifische Atmosphären, welche spezifische Transformationsmuster aufweisen können. Die breit angelegte Landschaftsstudie zeigt, dass Atmosphären dauerhaft und überpersonell an Konstellationen und Umgebungsgestaltungen haften. Rauh beschrieb erstmalig: "Bestimmten Landschaften, Ruinen oder Museen scheinen Atmosphären "Hier und Immer" als eine eigene Umgebungsqualität anzuhaften, in der man sich immer wieder gleich gestimmt befindet" (Rauh 2012, 150).

 

Mit den vielfältigen Landschaftsformen gehen unterschiedliche Atmosphären einher, die jeweils andere Voraussetzungen und Bedingungen für das menschliche Erleben bereithalten (Ulber, 2017). Atmosphären können beispielsweise unterschiedlich stark kognitiv und leiblich involvieren, in ihrem Charakter aufdringlich oder zurückhaltend sein, sowie den Zugang zum Atmosphärenphänomen sowie die Bestimmung des aktuellen Charakters erleichtern oder erschweren. Atmosphären sind daher mehr als Stimmungen, welche das menschliche Befinden beeinflussen können. Sie sind räumliche Wirkungsphänomene und können aus der Umgebung verschiedene Qualitäten aufnehmen und abgeben, beispielsweise Bewegungsanmutungen, Aufforderungscharaktere, Handlungsoptionen, Ekstasen und Stimmungen (Ulber 2017). Daher können Atmosphären auch die Wahrnehmungsweise und die Handlungen der Menschen mit beeinflussen (vgl. Thibaud 2003, 288ff). Wie verschieden Menschen eine Atmosphäre erleben und mitkonstituieren, wird im aktuellen Postdoc-Projekt mit einer Teilnehmerstudie untersucht.

 

Die Erkenntnisse stammen aus dem Buch Landschaft und Atmosphäre (Ulber 2017). Darin wird die künstlerische Analyse als geeignete Untersuchungsmethode von Atmosphären diskutiert und angewendet. Mit der Erweiterung der Atmosphärentheorie auf Landschaften wird die wechselseitige Korrelation von Umgebung und Menschen nachgewiesen. Ein Vergleich natürlicher und urbaner Landschaften zeigt, warum natürliche Landschaften und ihre Atmosphären für Menschen besonders wertvoll sind.

 

Marie Ulber, Nov 2017

 

 

 

Quellen

Böhme, Gernot (1995, 2013): Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik. Frankfurt a.M.

Böhme, Gernot (2001): Aisthetik. Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre. München

Rauh, Andreas (2012): Die besondere Atmosphäre. Ästhetische Feldforschungen. Bielefeld

Thibaud, Jean-Paul (2003): Die sinnliche Umwelt von Städten. Zum Verständnis urbaner Atmosphären. In Hauskeller, Michael (Hg.) (2003): Die Kunst der Wahrnehmung. Beiträge zu einer Philosophie der sinnlichen Erkenntnis. Zug. S. 280-297

Ulber, Marie (2017): Landschaft und Atmosphäre. Künstlerische Übersetzungen. Bielefeld